Ein Freund sprach mich in diesen Tagen an: „Zeitlebens habe ich auf der spirituellen Suche eine Verbindung zu meiner Mitte gesucht, zu dem Ort, wo ich heil bin und verbunden mit den Anderen. So hab eich in meinem Herzen die Geborgenheit gefunden. Doch plötzlich schwindet diese Geborgenheit, und sie muss sich neu bewähren. Ich werde überrumpelt von den existentiellen Sorgen, die sich in dieser Krise vor mir auftürmen.“

Wir haben mit unseren unterschiedlichen spirituellen Praktiken nützliche, beglückende, bereichernde Erfahrungen gesammelt, wir haben Erkenntnisse gewonnen und uns weiter entwickelt. Nun wird all das, was wir entwickelt haben, in einer existentiellen Situation auf die Probe gestellt und darf sich bewähren. Loslassen und stetiges Engagement, abhyāsa und vairāgya; Gelassenheit und die Klarheit unserer Ausrichtung; vertrauen und eine offene, weite Perspektive einnehmen; die Stetigkeit der Verbindung pflegen zu unserem innersten „Wesenskern“ (oder wie auch immer wir es für uns benennen), īśvara-praṇidhāna… all diese Qualitäten und Fähigkeiten, die Yoga in der Tiefe ausmachen, und die mit stetiger Praxis in uns reifen, sind nun herausgefordert, verwirklichtzu werden.

Wie wird es uns gelingen, diese Lehren im Blick zu behalten, smṛti – auch in einer Zeit, in der eine Bedrohung im Raum steht und eine existentielle Beunruhigung sich schleichend ausbreitet? Wie wird es gelingen, uns an diese Quellen der Lebenskraft zu erinnern und sie lebendig zu halten?

Zunächst möchte ich mich verbeugen vor Jack Kornfield, demjenigen buddhistischen Lehrer, der mich in den ersten Tagen dieses globalen Erschreckens an die viel größere Perspektive erinnert hat, innerhalb dessen sich unser Schicksal entfaltet. Der Artikel „You Are Not Alone“ auf seiner Website führt vor Augen, dass das, was wir individuell erleben, Teil einer großen Lebensgeschichte auf diesem wunderbaren, blauen und grünen Planeten ist. Was wir selbst erfahren mit allen Schrecken, Hoffnungen und Freuden, erfahren unzählige andere Menschen heute und zu allen Zeiten. Und – so sagt Kornfield– als Menschheit haben wir gelernt, auch solche schwierigen Zeiten zu überstehen, „we know how to do this“. Die Kunst besteht darin, unsere Verbundenheit zu sehen, uns unserer Gemeinsamkeit zu erinnern. 

Alles ist mit allem verbunden – dieser Satz aus den Upaniṣaden wird in seiner Bedeutung deutlich spürbar in der aktuellen Situation. Wir haben gelernt, dass Yoga, yuj, „Verbindung“ bedeutet. Wir haben mit Patañjali gelernt, dass Yoga das „Ruhig-Werden der geistig-seelischen Bewegtheit“ ist, citta-vṛtti-nirodhaḥ. Eine weitere Bedeutung von Yoga ist Gleichheit, samatva, wie es in der Bhagavad Gītā heißt. Vijñāna Bhairava, ein klassischer, kaschmirischer Text, beschreibt eine Atempraktik, die ebenfalls zu samatvavijñāna, der „Erkenntnis der Gleichheit“ führt. Samatva ist Gleichheit, Ausgewogenheit,  Einklang, Gleichmut, Harmonie. 

Werden wir mit der globalen Verbundenheit auf eine Weise konfrontiert, die uns aufrüttelt, können wir diese Verbundenheit als Bedrohung wahrnehmen. Wir können uns distanzieren, zurückweichen in die Enge und nach individueller Sicherheit suchen. Oder aber wir erkennen, dass in einer mitfühlenden Erfahrung der Verbundenheit, in einem Miteinander auch die Lösung liegt, gemeinsam die Schrecken und die Verluste zu überwinden.

In sich ruhen und gleichzeitig verbunden sein mit allem, das ist samatva. Es könnte ein Schlüsselbegriff sein für das, wie wir zurückfinden zu der Geborgenheit in unserer Mitte, und wie wir diese Zeit der Verunsicherung gemeinsam meistern mit Gleichmut und Vertrauen. Das Leben ist Eins und wir sind Teil dieses einen Lebens auf unserem Planeten.



Alles ist mit allem verbunden