Was ist prāṇāyāma und welche Rolle spielt sie für die Kontemplation, für dhyāna? Im praktischen Sinn ist prāṇa eine Bezeichnung für den Atem, in einem tieferen Sinn hat es jedoch die Bedeutung von Lebenskraft, Lebendigkeit an sich; es ist das, was uns lebendig macht, was uns am Leben erhält.

Atmen ist Leben.

Die Atemübungen des Yoga sind zunächst ein Mittel, unser Bewußtsein auszudehnen auf diese innere Lebendigkeit. Über die positiven körperlichen, physiologischen und mentalen Wirkungen dieser Übungen hinaus ist die Atmung eine sehr gute Hilfe, uns bekannt zu machen mit den tieferen Lebensprozessen, sind doch körperliche Tätigkeit, emotionale und mentale Prozesse einerseits und die Atmung andererseits eng miteinander verknüpft.

Zudem ist die Atmung auf einer spirituellen Dimension wie eine gute Begleiterin, die uns in die Tiefen des Seins führt. Wie Dr. Shrikrishna sagt: „the most intimate friend, that guides you to your inner Self – eine zutiefst nahe Gefährtin, die dich zu deinem inneren Selbst geleitet“.

Bei der aufmerksamen Ausrichtung auf die Atmung, wird sie zunächst ruhig, fein und lang. Die Aktivitäten des Geistes sind eng verknüpft mit der Qualität der Atmung. Ist der Geist aufgewühlt, so ist auch die Atmung unruhig; und umgekehrt, kommt der Atem zur Ruhe, wird auch der Geist stiller, wie es auch in einem klassischen Yoga-Text bemerkt wird.

In unseren alltäglichen Tätigkeiten ist unser Geist mitsamt den Gedanken und Emotionen sehr dominant. Unsere Persönlichkeit mit all seinen Vorlieben und Gewohnheiten steht im Vordergrund unseres Bewußtseins. Doch ist dies das, was wir in der Tiefe SIND? Gibt es nicht etwas anderes in uns? Viele spirituelle Traditionen weisen auf etwas im tiefsten Inneren von uns hin, das unberührt ist von den wechselhaften Erregungen persönlicher Bestrebungen und Befindlichkeiten. In Zusammenhang mit diesem „etwas“ wird in verschiedenen Traditionen übereinstimmend von „Licht“ gesprochen.

Patañjali greift im Yoga-Sūtra dieses Bild auf und sagt, dass dieses „innere Licht“ durch die Identifikation mit unserer Persönlichkeit in unserem Alltagsbewußtsein verschleiert und verdeckt wird. Die Ausdehnung unseres Bewußtseins auf die Atmung kann uns helfen, den Schleier der falschen Identifikation zu heben und jenseits des Individuellen das zu erkennen, aus dem das Leben hervorkommt.

Im Yoga-Sūtra wird gesagt, dass durch prāṇāyāma die Atmung „fein und lang“ wird und schließlich still. In dieser Stille, heißt es dann, „wird der Schleier enthüllt, der die strahlende innere Realität verdeckt. Der Geist wird fähig, sich zu fokussieren.“ So wird der Geist für dhyāna vorbeireitet.