Was ist dhyāna, was ist Meditation, – oder vielmehr: was ist Kontemplation?

Dhyāna ist treffender als Kontemplation zu bezeichnen (von „contemplatio“: Betrachtung). Denn es ist reine Anschauung. Es ist kein Visualisieren, und kein Vorstellen, es ist auch kein Nachdenken, Nachsinnen wie es bei Meditation mit dem lateinischen Wort „meditatio“, Denken, Nachsinnen anklingen könnte. Es ist die reine Betrachtung der Realität wie sie fließt.

Dhyāna ist die stetige, fließende, direkte Verbindung mit dem, was geschieht und sich entfaltet, die Verbindung mit dem, was ist.

Wie sehr sind wir verbunden mit der Wirklichkeit des Augenblicks? Wie sehr stehen zwischen uns und dem augenblicklichen Geschehen unsere eigenen Gedanken und Empfindungen und lenken uns ab von der frischen Erfahrung eines neuen Augenblicks?

Unsere Urteile, unsere Vorlieben und Abneigungen, unsere Gewohnheiten und Muster stehen wie ein Projektionsvorhang zwischen uns und der Wirklichkeit; und damit auch zwischen uns und den anderen Menschen – wie schon der Talmud feststellt: „Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind.“ So ist unsere Sicht getönt und verzerrt von den Bildern auf unserer persönlichen Leinwand.

Wie ist eine direkte, unverzerrte Wahrnehmung möglich?

Dhyāna, oder Kontemplation, ist ein Mittel, diese Frage zu erforschen. Zunächst ist es eine Übung darin, unsere Wahrnehmung zu verfeinern, sie zu vertiefen und in eine stetige Verbindung mit der Realität zu bringen. Gleichzeitig machen wir uns frei von alten Bildern, frei von einer sich unwillkürlich wiederholenden Vergangenheit und frei für die Fülle des Lebens in jedem neuen, gegebenen Augenblick.

Die aufmerksame Beobachtung unseres Innenlebens und unseres Geistes macht zunächst die Projektionswand aus Gedanken und Gefühlen deutlicher sichtbar. Wenn wir dann länger in dieser offenen Aufmerksamkeit verweilen, beruhigt sich langsam der sprunghafte Geist. Allmählich wird die Aufmerksamkeit gleichmäßig in eine Richtung ausgerichtet und bekommt eine fließende Qualität – dieser Zustand wird im Yoga-Sūtra dhyāna genannt. Während in der Phase zuvor, beim Üben der Konzentration, der Zustand des Geistes mit tropfendem Wasser verglichen wird, sprechen die alten Texte in Bezug auf dhyāna von einer Qualität wie beim Fließen von Öl.