Alles ist mit allem verbunden – dieser Satz aus den Upaniaden wird in seiner Bedeutung besonders deutlich spürbar in einer Situation, in der wir aufgerüttelt werden durch eine akute, weltumspannende Bedrohung. Während wir angesichts des Klimawandels nur langsam die Bedrohung und die Dringlichkeit von Veränderungen realisierten, bringt eine Pandemie innerhalb kürzester Zeit den gefälligen Lauf der Dinge zum erliegen und verbreitet Schrecken.

Yoga ist eine spirituelle Tradition. Eine Tradition der Kontemplation, der Weisheit, der Hingabe, des selbstlosen Handelns, der Gewaltfreiheit. Wie sehr unsere heutige, normative Zivilisation dazu im Widerspruch steht, verdeutlicht ein erschütternder Bericht von Arundhati Roy in der ZEIT (16/2020) über die aktuelle Situation in Indien, dem Ursprungsland von Yoga. Besonders für benachteiligte Menschen nimmt die Krise dort wie überall sonst auf der Welt eine katastrophale Entwicklung an. Schmerzlich offenbart sich hier die Schattenseite einer gewohnten Normalität, die durch soziale und wirtschaftliche Ungleichheit, durch Selbstbezogenheit, Vorurteile und Ausgrenzung geprägt ist. Roy spricht am Ende ihres Artikels an, dass wir uns entscheiden können, ob wir so weiter machen wie bisher oder eine neue Art des Miteinanders entwerfen. Viele Menschen äußern in diesen Tagen die Hoffnung, dass wir uns neu besinnen.

Die Einsichten, die wir durch Yoga und andere spirituelle Übungswege gewonnen haben, die Haltungen, die wir entwickelt haben, können uns darin unterstützen, ein neues Miteinander zu entwerfen und zu leben. Doch die Unerschütterlichkeit und Reife dieser Erfahrungen wird in einer existentiellen Situation auf die Probe gestellt. Ist es nicht auf ein Mal eher erschreckend, dass wir Teil eines großen, universellen Kreislaufs von Geben und Nehmen sind? Können wir auch in dieser Situation in unserer Mitte ruhen und gleichzeitig offen sein? Wie können wir vertrauen und frei sein vom Drang des Haben-Wollens oder Vermeiden-Wollens? Wie können wir Gelassenheit, liebende Güte und Mitgefühl pflegen, wo doch unser eigenes „Ich“ so verunsichert ist und selbst Mitgefühl benötigt?

Wenn wir all die Qualitäten und ihre wohltuenden Wirkungen, die wir im Yoga erfahren haben, mit einer Perspektive auf uns selbst betrachten, mag eine andere Zustimmung resultieren, als wenn wir der Tatsache die Stirn bieten müssen, dass wir wirklich vor schmerzlichen Erfahrungen stehen, dass wir Einschränkungen und Verluste annehmen müssen, dass wir mit Verunsicherung und Angst konfrontiert werden. Können wir mit all unserem Bedürfnis, uns zu schützen, dennoch die Perspektive auf das Ganze richten, dessen Teil wir sind?

Werden wir mit der globalen Verbundenheit auf eine entsetzende Weise konfrontiert, können wir diese Verbundenheit als Bedrohung wahrnehmen. Wir können uns distanzieren, zurückweichen in die Enge und nach individueller Sicherheit suchen. Oder aber wir erkennen, dass in einer Erfahrung der Verbundenheit, in einem mitfühlenden, solidarischen Miteinander auch die Lösung liegt, um gemeinsam die Schrecken und die Verluste zu überwinden.

Können wir mit Yoga etwas positives zu der globalen Krise beitragen, oder sorgen wir damit nur für unser eigenes Wohlbefinden? Wie können wir uns in einer Zeit, in der die Welt vor existentiellen Fragen steht, dem Yoga widmen?

Eine Bedeutungsebene von Yoga ist Gleichheit, samatva, wie es in der Bhagavad Gītā heißt. Es ist Gleich-Sein, Einklang, Ausgewogenheit, Gleichmut, Harmonie, Ebenmäßigkeit, Gleichheit – auch soziale Gleichheit. In sich ruhen und gleichzeitig verbunden sein mit allem, das ist samatva. Es könnte ein Schlüsselbegriff dafür sein, wie wir zurückfinden zu einer Perspektive der Verbundenheit und wie wir über diese Zeit der Verunsicherung hinauswachsen, gemeinsam und mit Gleichmut und Vertrauen.

Zwei Ansatzpunkte können die Erfahrung des samatva im Alltag fördern: Erstens die stetige, tägliche Hinwendung zu dem tiefsten Wesenskern in uns, zu der Lebensessenz, die wir sind. Zweitens, das zu pflegen, was in uns das Gewahrsein der Verbundenheit, des Gemeinsam-in-dieser-Welt-Seins stärkt. Ohne die vielen, konkreten Übungen im Yoga aufzuzählen, die uns der Erfahrung des samatva näher bringen können, möchte ich hier die allgemeine Linie aufzeigen, die in diese Richtung weist.

Um Verunsicherungen zu begegnen, und gleichzeitig offen zu bleiben für eine weite Perspektive, brauchen wir als Grundlage eine Verbindung zu dem Ort in uns, worin wir ruhen. Damit gestärkt können wir im Alltag beobachten, was uns eng macht oder weit, was uns vom Leben und den anderen trennt, und was uns unsere Gemeinsamkeit erfahren und spüren läßt. Wir können uns täglich darin üben, die Verbindung zu unserer inneren Mitte zu pflegen. Wir können uns dem Ort in uns zuwenden, worin wir geborgen sind. Das ist die tiefere Bedeutung von īśvara-praṇidhāna. In dieser Mitte ist unsere Daseinskraft zuhause. Es ist der Ort, wo die Freude pulsiert. Wir können täglich in diese Mitte in uns hinein lauschen, dieses Herz aufspüren, wo wir allmählich, eines Tages entdecken können, dass es die Mitte von Allem ist.

Um samatva, das Miteinander-Sein zu erfahren, ist es eine wichtige, hilfreiche Übung, alltäglich unterscheiden zu lernen zwischen dem, was uns isoliert und eng macht einerseits und dem, was uns andererseits die Erfahrung der Weite und Verbundenheit schenkt. Jeder Moment des Alltags, in dem wir innerlich beiseite treten und gewahr werden, was wir gerade erleben, ohne darin verstrickt zu sein, sät einen Keim des Verstehens. Jede Gelegenheit, bei der wir innehalten können und einen Moment durchatmen, beobachten und fühlen, was gerade passiert, erweitert unsere Perspektive.

Alles ist mit allem verbunden. Diese Aussage gilt in beide Richtungen. Mit Yoga beginnen wir eine Veränderung in uns selbst. Wir werden die Welt durch Yoga nicht zu Utopia verwandeln. Venedig wird nicht zu der unversunkenen Stadt, in dessen Kanälen die Delfine schwimmen. Die Wanderarbeiter in Indien und überall auf dieser Welt werden nicht vor Mißhandlungen verschont bleiben. Das Wesen der Utopien ist es, uns eine Richtung zu zeigen. Wir können wählen, wohin wir uns ausrichten. Um Veränderungen einzuleiten, müssen wir nach weisen Mitteln suchen, und bei uns selbst beginnend aktiv werden.

Im Ozean des Gewahrseins macht es einen Unterschied, ob wir Moment für Moment mit unserem Beitrag die Enge oder die Weite wählen, ob wir die Liebe und die Freude wählen. Wozu sich jeder einzelne von uns entscheidet, ist ein Beitrag zum Ganzen. Was wir pflegen und fördern, jede Handlung, jeder Satz, jedes Lächeln ist ein bleibendes Teilchen im Gewebe des Lebens auf diesem Planeten.

April 2020

Foto: Werner Lambach