Prākṛta-prāṇāyāma ist die Bewusstheit der natürlichen Atmung.

Weite und Offenheit. Die Weite in uns fängt mit Gleichmut an.

Gleichmut fängt mit Freiheit an. Freiheit von drängendem Streben, etwas haben zu wollen (rāga), etwas erreichen zu wollen, einen Wall um sich bauen zu wollen. Freiheit von der sorgenvollen Anspannung, Dinge von sich fern halten zu müssen (dveṣa). Freiheit von der subtilen Angst, vor dem Nichts zu stehen, Nichts zu gelten, Nichts zu sein.

Die Atmung lotst uns zu der Erkenntnis, dass unser innerstes Ich, unser innerstes Wesen nicht Nichts ist. Diese Erfahrung bildet eine tragende Basis, um Gleichmut zu finden, um die Weite und Offenheit in uns zu erleben.

Die Atmung ist immer da. Wir müssen die Atmung nicht machen. Sie ist da. Immer. Sie ist das Leben in uns.

Prāṇa bedeutet sowohl Lebenskraft als auch Atem. In den Sprachen des Vorderen Orients ist das Wort für Seele und Geist gleichbedeutend mit Atem und Lebenskraft. In alten semitischen Sprachen war das Wort für „aufatmen“ gleichbedeutend mit „weit werden“. – Ein Hinweis, dass die Atmung und die Erfahrung von Offenheit und Weite Hand in Hand gehen. Und schließlich, wenn wir der Atmung folgen, entdecken wir unser innerstes Sein.

Prākṛta bedeutet „natürlich“, prākṛta-prāṇāyāma ist das stetige Verbunden-Sein mit der Erfahrung der natürlichen Atmung. Ohne einzugreifen, ohne etwas zu manipulieren, beobachten wir den Rhythmus und die Qualität der natürlichen Atmung. Das können wir in jeder beliebigen Situation im Alltag machen, wann immer wir daran denken. Und diese Bewusstheit wird immer etwas an unserem inneren Zustand verändern.

Die Praxis

Du kannst prākṛta-prāṇāyāma in deine formale Praxis integrieren, oder für sich allein in einer stillen Minute in dir wirken lassen:

Vergewissere dich, dass du in einer aufrechten, aber entspannten Haltung bist, kraftvoll und wach, stabil und angenehm zugleich (sthira-sukha). Nehme dir einen Moment Zeit, vollkommen in der gegenwärtigen Situation anzukommen. Was immer eben noch geschah, lasse es für die Dauer dieser Zuwendung zum Atem hinter dir. Sei präsent und frei von Ablenkungen.

Nimm Verbindung auf mit deiner Atmung. Mache dich damit vertraut wie deine Atmung in genau diesem Moment fließt. Urteile nicht. Sei eine neugierige und annehmende Beobachtende.

Fühle für einen Moment wie die Atmung durch die Nasenöffnungen in dein Körper einströmt und dort wieder ausströmt. Welche Qualität, welche Temperatur, welche Stärke hat dieser Atemstrom? Dann verlagere allmählich deine Aufmerksamkeit zum Brustkorb. Spüre die Bewegungen der Rippen, der Muskeln, wie sich der Brustkorb ausdehnt und wieder zusammenzieht. Welche Spannweite hat diese Bewegung? Beobachte in gleicherweise die Bewegungen deiner Bauchdecke. Vielleicht spürst du auch wie sich die Druckverhältnisse in deinem Brustraum, in deinem Bauchraum mit der Einatmung und der Ausatmung verändern.

All diese Beobachtungen geben dir einen Gesamteindruck, wie deine Atmung fließt, mit welcher Stärke, welchem Tempo, welcher Tiefe, welcher Stetigkeit. Sei für einige Augenblicke nur mit diesem Fliessen. Sei dieses Fliessen.

Lerne deine Atmung kennen. Mache dich mit ihr vertraut. Entdecke sie. Entdecke ihre Weisen und Lieder, ihren Tanz, ihr Fliessen und Stocken, ihre Flauten und Stürme, ihre Hindernisse und ihre Freiheiten, ihre Spannweite und ihre Grenzen. Und lass dich von deiner Atmung in die Tiefen deiner Lebendigkeit begleiten.

Nimm wahr, wenn sich die Qualität deiner Atmung verändert. Möglicherweise wird sie allmählich ruhiger, tiefer, stetiger, feiner. Laß es geschehen. Urteile nicht. Versuche nicht irgendetwas zu erreichen. Sei mit deiner Atmung. Sei deine Atmung. Du bist dieses Leben.

Nach einer Weile verabschiede dich von dieser Beobachtung. Spüre den Boden unter dir. Fühle die Aufrichtung deines Körpers. Nimm dich wahr in dem Raum, der dich umgibt. Kehre langsam wieder zurück zu deinem Alltagsbewusstsein und zu dem, was immer du zu tun hast. Doch bei all deinem Tun in deinem Alltag, behalte die Erinnerung an die Lebendigkeit deiner Atmung. Wann immer du daran denkst, begrüße deine Atmung mit einem inneren Lächeln.

Foto: Werner Lambach