STILLE

STILLE
Das Land jenseits der Worte.

Wir sind es so gewohnt, dass unsere Tage angefüllt sind von Absichten und Aufgaben, von Ideen und Gedanken, von Worten und Gesprächen. Das ist uns vertraut und scheinbar macht es den Reiz und die Würze des Lebens aus. Das Land jenseits der Worte, Ideen und Absichten ist jedoch Terra Incognita, unbekanntes Land. Die Vorstellung, einen ganzen Tag z.B. schweigend zu verbringen, nichts zu lesen oder zu schreiben, nichts im Internet anzuschauen, nichts in Angriff zu nehmen, nichts zu erledigen mag sinnlos oder abschreckend oder schlicht langweilig erscheinen. Sich in dem Land jenseits der Worte zu lange aufzuhalten scheint leer und reizlos zu sein, eine Entbehrung all dessen, was unser bekanntes Leben spannend und sinnhaft zu machen scheint.

Doch ein Teil in uns weiss um das Land jenseits der Worte. Denn es ist dort zuhause. Es stammt von dort. Die Erinnerung dorthin wohnt in uns. Eine leise Sehnsucht ruft uns dorthin zurück. Wenn wir aufmerksam lauschen, hören wir machmal dieses stille Rufen. Wenn wir es uns erlauben, diesem Ruf zu folgen in das Land jenseits der Worte, entdecken wir das Pulsieren des Lebens, das keine Worte benötigt. Begleitet von der Freude eines klaren, fließenden Gewahrseins entdecken wir die weite Lanschaft unserer inneren Lebendigkeit.

Wir kommen bei uns selbst an.



Foto: Paco Yoncaova


Hingabe

Hingabe

Weisst du noch das erste Mal,
das Staunen wie das Wasser trägt,
und dann bist du geschwommen.

Weisst du noch das erste Mal,
die Freude wie die Bewegung trägt,
und dann bist du Fahrrad gefahren.

Wie ein Vogeljunges das erste Mal,
sich über den Rand fallen lässt
– und losfliegt, dem Himmel entgegen.

Weisst du noch?

Du lässt los und die Welt öffnet sich,
in der Brise des frischen Morgens
wird dein Herz weit. Das Staunen
über den vollen Mond, so nah, so gross.

Ein Mond nur unter den Gestirnen
so unermesslich gross
und klein zugleich. Und in dir
die Unermesslichkeit des Seins.

Weisst du noch,
das Staunen, die Freude,
die Weite in Dir!



Foto: Paco Yoncaova


Die Mitte des Herzens

So weit wie dieser Weltenraum um uns herum, so weit ist dieser Raum im Inneren unseres Herzens. Und darin enthalten sind Erde wie auch Himmel, Feuer wie auch Wind, Sonne wie auch Mond, Blitze wie auch Sterne. Was diesem ganzen Raum angehört, was im Leib geborgen ist und auch, was es nicht ist – all das ist im Innersten enthalten.
Chāndogya Upaniṣad, 8.1.3